 Unweit von Riesa gibt es ein Dorf mit dem idyllisch klingenden Namen Röderau. Gut versteckt abseits der Hauptstraße steht in diesem Dorf ein fast verfallenes großes Gebäude. Wer genau hinschaut kann noch den inzwischen verblassten Schriftzug erkennen: „HO Kulturzentrum Waldschlößchen“. An sich nichts besonderes, oder etwa doch?
Ab Mitte der siebziger Jahre gab es im „Waldschlößchen“ einen Rockschuppen, welcher jedes Wochenende von hunderten Jugendlichen besucht wurde. Viele unserer Eltern gingen dort ein und aus, haben sich vielleicht sogar dort kennengelernt. Es dauerte gar nicht lange, und das „Waldschlößchen“ war legendär über die Kreisgrenzen hinaus bekannt. Und so gibt es viele spannende Geschichten aus dieser Zeit zu entdecken.
Wie haben unsere Eltern ihre Jugend im „Waldschlößchen“ verbracht? Welche Bedeutung hatte die Musik für sie in der DDR? War es vielleicht auch eine Art gesellschaftlicher Protest? Was denken unsere Eltern heute über diese Zeit? An welche Ereignisse können sie sich erinnern? Gibt es Ähnlichkeiten mit der heutigen Zeit? Fragen über Fragen. Und die Antworten?
Im Rahmen des Geschichts-Projektes „Zeitensprünge“ wurden die Antworten gefunden, gesammelt und dokumentiert. Organisiert wurde das Projekt vom Riesaer Verein Kulturschleuder e.V. in Zusammenarbeit mit der Sächsischen Jugendstiftung und der Kulturwerkstatt ART. „Es ist für uns die einmalige Chance, mit Befragungen von Zeitzeugen geschichtliche Spuren und Fakten zu sichern“, erklärt Ricardo Glaser von der Sächsischen Jugendstiftung den Grundgedanken des Projektes.
Dabei werden Leute befragt, die bisher noch niemand befragt hat. Es werden Fragen gestellt, die bisher noch niemand gestellt hat. Es ist eine Entdeckungsreise in die „wilden Jahre“ unserer Elterngeneration. „Unser Ziel ist es, abstrakte Geschichte erlebbar zu machen“, erläutert Ricardo Glaser weiter. Dabei können junge Menschen selbständig in kleinen Gruppen forschen, Zeitzeugen befragen, auswerten und das Ergebnis ansprechend präsentieren.
Die Ergebnisse des Projekts sind noch bis zum 4. Mai 2006 in Form einer Ausstellung, einer Videodokumentation und einer Broschüre auf der Wechselbühne der Kulturwerkstatt ART zu sehen. Eintritt ist frei.
Zum Abschluss der Ausstellung gastiert der legendäre Jürgen Kerth am 5. Mai 2006 auf der Wechselbühne im ART. Beginn ist 20.00 Uhr.
Öffnungszeiten:
Dienstag /
Donnerstag / Freitag: 15.00 bis 20.00 Uhr
Schulklassen
oder Gruppen können auch außerhalb dieser Zeiten die Ausstellung nach
vorheriger Anmeldung unter 03525-730328 besuchen.
Die Eltern waren auch mal jung
Von Sebastian Schultz
Man
musste im Waldschlösschen gewesen sein“, sagt Frank Zimmermann. „Das
war Status.“ Er war einer derjenigen, die zu DDR-Zeiten dort regelmäßig
ein- und ausgingen.
So wie Zimmermann haben sich viele bereit erklärt, das
Geschichtsprojekt „Hippies im Waldschlößchen Röderau“ zu unterstützen.
Organisiert wurde das Projekt vom Riesaer Verein „Kulturschleuder“ in
Zusammenarbeit mit der Sächsischen Jugendstiftung. Das Ziel dieses
Projektes war, herauszufinden, was den Mythos des „Waldschlößchen“
begründete und dies in Form einer Broschüre und einer Ausstellung zu
dokumentieren.
Und so entstand eine Gruppe von Riesaer Schülerinnen und Schülern, die
sich mit der Jugend ihrer Elterngeneration auseinander setzten. Dazu
führten sie etliche Gespräche mit Leuten, die diese Zeit hautnah erlebt
haben, ob nun als Mitarbeiter oder als Gast. In akribischer Kleinarbeit
wurden dann die auf Video aufgezeichneten Gespräche abgetippt und
aufgeschrieben. „Das war sehr stressig“, sagt Felix Ritter. Denn
insgesamt entstanden über zehn Stunden an Videomaterial. „Aber es hat
auch ´ne Menge Spaß gemacht, so zu erfahren, wie die Leute früher waren
und wie sie jetzt sind“, erzählt Felix. Auch Lily Wachs hat sich bei
diesem Projekt engagiert. Sie fuhr täglich am „Waldschlösschen“ vorbei
und fragte sich, was das für ein Gebäude gewesen ist. Nun weiß sie es.
„Am schönsten fand ich, wie die Leute aufblühen, wenn sie über ihre
eigene Jugend erzählen“, sagt sie und hat dabei selbst ein Leuchten in
den Augen. Ihre wichtigste Erkenntnis: „Meine Eltern waren auch mal
jung.“
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